In der Nacht vom 2. Dezember 2017 protestierte eine
honduranische Frau in der ländlich geprägten Provinz Olancho gegen das,
was in ihren Augen eine gestohlene Wahl war. Die im achten Monat
schwangere Frau stand auf der Straße in offener Missachtung der
Ausgangssperre und zusammen mit einer rebellischen Menge skandierte sie
“Fuera JOH!” (“JOH verschwinde!”), Dies bezog sich auf den amtierenden
Präsident Juan Orlando Hernández, der nach allgemeiner Meinung die
Wahlen zu seinen Gunsten manipuliert hatte, um an der Macht zu bleiben.
Honduranisches Militär und Polizei strömte in die Straßen, um die
Ausgangssperre durchzusetzen, und die Frau wurde von einem Soldaten in
den Bauch geschossen, wie berichtet wird. Sie wurde in eine nahegelegene
Klinik gebracht, wo ihr Baby per Notoperation mit Kaiserschnitt zur
Welt kam. Das Kind wurde mit einer Schusswunde im Bein geboren.
Ausgangssperre und Gewalt hatten sich an einer merkwürdigen und umstrittenen Wahl entzündet. Am Tag vor der Wahl
veröffentliche
The Economist Indizien für systematisch geplanten Betrug seitens
Hernández’ Nationaler Partei. Am nächsten Tag, dem 26. November,
erschienen die Wahlergebnisse stückchenweise: erst ein substantieller
Vorsprung von Hernández’ Opponent, Salvador Nasralla, worauf dann das
elektronische Wahlsystem zusammenbrach. Nach dessen Neustart gewann
Hernández, der schließlich mit geringem Vorsprung zum Sieger erklärt
wurde. Internationale Beobachter
vermerkten
"starke Anzeichen von Wahlfälschung", und eine teilweise Nachzählung
gab den Sieg immer noch Hernández. Geballter Protest und vom Militär
besetzte Straßen folgten. Bis zum 22. Dezember zählten
Menschenrechtsorganisationen über dreißig von den Sicherheitskräften
getötete Menschen, von denen mindestens vier unter 18 waren.
Nach der Geburt ihres verwundeten Babys überwies der Krankenhausarzt
Mutter und Kind in eine Klinik in Olancho zur fachgerechten Versorgung.
Erschrocken von dieserm Erlebnis zeigte der Doktor einigen Kollegen
Bilder, die er von den Patienten gemacht hatte und die er sorgfältig
bearbeitet hatte, um die Gesichter zu verbergen. Nachdem jemand die
Fotos auf Facebook hochgeladen hatte, bekam der Arzt Todesdrohungen. Aus
Sorge um seine Sicherheit weigerte er sich, öffentlich über den Fall zu
sprechen, wer ihn bedrohte weiß er nicht. In dieser Provinz herrscht
das Gefühl, Gefahr könne von überall her kommen.
"Ich weiß, es klingt nach Verschwörungstheorie", sagte mir ein
Journalist aus Olancho, der mit dem Fall des Kindes vertraut war, "aber
Olancho und der ganze östliche Landesteil sind mit einer Art Nebel
bedeckt, und zwar in erster Linie wegen der Drogen, die hier
durchgehen." Der Journalist bat, wie jeder andere auch, aus Angst um
Anonymität. Die Großmutter des Journalisten arbeitete auf einem
Bauernhof in Olancho, auf dem 14 Menschen, darunter Geistliche, 1975 in
einem
Massaker
bei Protesten wegen der Landreform getötet wurden. Drei weitere
Familienmitglieder starben gewaltsam zwischen 2012 und 2014, zwei von
ihnen in Olancho. Und in den folgenden beiden Jahren verließen 19 seiner
Familienmitglieder die Provinz in Richtung USA, ohne Papiere und
verzweifelt.
Ähnliche Geschichten gibt es in Hülle und Fülle. Tatsächlich
durchdringt diese Realität Honduras, auch wenn sie in Olancho einen
besonderen Charakter hat. Und der wurzelt in Korruption, wie sie seit
Generationen von honduranischer und internationaler Elite betrieben
wird. Vor solchem Hintergrund tobt der Konflikt um die Wahl 2017 – ein
Brandherd, in den man sogar als Opfer von Waffengewalt hineingeboren
werden kann.
Olancho ist der "Wilde Westen" von Honduras, ein Spitzname, der sogar von der US-Botschaft
benutzt wird.
Dazu gibt es eine ganze Liste vergleichbarer Slogans: "Die Souveräne
Republik Olancho", in die man "leicht hinein, aber schwer wieder
herauskommt", und wo die herumstolzierenden bewaffneten Cowboys die
"Olan-Machos" genannt werden. In seiner Geschichte wurde es geprägt von
dreimaligem Goldrausch-Geschäften, die wenige vermögend machten:
Viehzucht, Holzfällerei und Bergbau. Olancho ist der
Geburtsort
eines legendären Banditen, das Land der Familien, die sich zu
rivalisierenden Clans entwickelten und deren Bewohner als Nationalität
zunächst "Olanchano" für sich in Anspruch nehmen. Und passend zu seinem
autonomen Charakter ist Olancho politisch unterteilt: Das eine
Ballungszentrum, Juticalpa, ist Heimat des Viehzüchters und früheren
Präsidenten von der rechten Nationalpartei, Porfirio Lobo. Juticalpa ist
ihr gegenüber demzufolge loyal. Das andere Ballungszentrum, Catacamas,
favorisiert Manuel Zelaya, den dort aufgewachsenen Waldbesitzer, der
spätere linksgerichtete Präsident, der im Putsch 2009
gestürzt
wurde. Der restliche Teil von Olancho liegt irgendwo dazwischen oder
auch nirgendwo, wie ein weiteres Motto dieser Provinz die Aufteilung
beschreibt: "Tierra de nadie", Niemandsland.
Die Provinz Olancho ist größer als das gesamte Nachbarland El
Salvador, sie reicht über einen Großteil des östlichen Honduras. Diese
Region ist besonders seit 2006 schlimm dran, als der Druck des
US-amerikanischen Drogenkrieges den Großteil des Drogenhandels von
seinen ursprünglichen Routen weg und direkt durch Zentralamerika
umleitete. Olancho und das von ihm dominierte östliche honduranische
Randgebiet wurde zum Durchgangskorridor: Im Süden die Landgrenze zu
Nicaragua, im Norden und Osten die Karibik, die auch als Seegrenze zu
den Produzenten in Südamerika und den Konsumenten im Norden fungiert.
Die Drogen werden durchgeschoben, ob sie nun schwimmen, fahren oder
fliegen. "Unser Problem ist geopolitisch - daran besteht kein Zweifel",
sagt die Menschenrechtsaktivistin
Bertha Oliva, aus Olancho bei einem Interview in ihrem Büro in Tegucigalpa.
Olancho ist wunderschön, mit erhabenen Nebelwäldern, die mit
Orchideen bewachsen sind und mit Süßwasser, das majestätische Klippen
hinunterstürzt und in Tieflandregenwälder oder smaragdgrüne Weiden und
Täler mündet. Aber unter dieser Oberfläche verbirgt sich eine düstere
Geschichte, die nur indirekt sichtbar wird. Wie etwa an den weiß
gestrichenen Zaunpfählen entlang der Olancho Autobahn: Eine Ranch, die
bis vor kurzem Juan Ramón
Matta-Ballesteros
gehört hatte, dem Mann, der von der CIA mit dem Betrieb ihrer Flugzeuge
während der Iran-Contra-Affäre beauftragt war und der später den
Zusammenschluss der kolumbianischen und mexikanischen Kartelle in
Zentralamerika arrangierte. Oder ein unscheinbares Stuckgebäude in einer
Bucht abseits einer anderen Überlandstraße mit einem verwitterten
Metallschild am Eingang: "El Aguacate Military Runway" - einst der
Landeplatz für verdeckte, illegale US-Lieferungen auf dem Weg zu den
Contras in Nicaragua.
Jahre später sind die Olanchanos mit neuem Terror konfrontiert - nun
nicht länger imperialistische Aufstandsbekämpfung, sondern Drogenhandel.
Sie erinnern sich an diese Zeit als die der "freien Bahn".
Drogenflugzeuge nutzten Autobahnen um Mitternacht als Landebahnen.
Schusssichere Fahrzeuge fuhren ohne Nummernschilder durch die Gegend,
alle anderen hingegen mussten mit offenen Scheiben fahren, damit sie
leicht als harmlose Anwohner erkennbar sind. Es gab ständig Schießereien
und Auftragsmorde an Leuten, die den Narcos unerwünscht waren:
Gang-Mitglieder, Transgender-Frauen, Straßenkinder. Und Kokain für den
privaten Verbrauch war überall zu bekommen, an der nächsten Ecke, im
Park, im Obstladen des Viertels. Die Narcos bezahlten ihre Olanchanos
oft in Naturalien.
Daten der Anti-Drogen Datenbank der US-Regierung zeigen, dass die in
Honduras beschlagnahmte Menge an Kokain sich von 2005 bis 2006 auf
21.320 Kilogramm verdreifachte. So blieb es bis 2009, dem Jahr des
Putsches, als sie auf 70.272 nach oben schoss. Und zwischen 2010 und
2011 wurden fast 250.000 Kilo Kokain in Honduras konfisziert, wie
US-Regierungsstellen mitteilten.
Dann begann Tegucigalpa mit Washingtoner Unterstützung hart
durchzugreifen
, was ab 2011 für die Olanchanos sichtbar wurde. Als "Cobras" und
"Tigres" bekannte Einheiten der Spezialpolizei, begleitet vom Militär
und Vertretern der Staatsanwaltschaft, stürmten im Verlauf der nächsten
Jahre Gutshäuser, Hotels, Baufirmen, Fleischfabriken, Rathausbüros,
Fabriklager, Bergwerke und
private Zoos
überall in Olancho. Die Cobras blieben und hielten einige Gebiete
besetzt. Anwohner berichteten von Beamten der US-Drogenbehörde (Drug
Enforcement Administration, DEA), die häufig die Einsätze begleiteten.
US-Behörden berichteten von einer Abnahme der konfiszierten Drogen auf
etwas mehr als 68.000 Kilo im Jahre 2012 und bis 2014 war die Menge auf
etwa 30.000 gesunken. Als Reaktion auf diese Repression gingen die
Narcos in den Untergrund.
Aber die Narcos, die in Olancho über die Stränge schlugen, waren
nicht die Herren des Spiels: seine Großmeister sind die Eliten. Im
Januar 2015 war der Chef eines der Olancho-Kartells, der Cachiros, unter
den Verhafteten, der dan ausgeliefert wurde um im New Yorker
Süddistrikt vor Gericht gestellt zu werden. Dort angeklagt
verwies
Devis Leonel Rivera Maradiaga die DEA auf Fabio Lobo, den Sohn des
Olancho-Viehzüchters und früheren Präsidenten. Fabio wurde später in
Haiti festgesetzt und seine persönliche Polizistentruppe, die für
problemlosen Drogentransport sorgte, wurde in Honduras festgenommen.
Dann wurde Hernández’ Bruder nach Washington beordert, um Fragen zu seiner offensichtlichen
Verbindung
zu einem großen Drogenhändler zu beantworten. Im selben Monat und in
einem anderen Fall, als ein mexikanischer, von der DEA umgedrehter
Drogenhändler vom Gericht befragt wurde, wer ihm geholfen habe, die
Drogen durch Honduras zu bringen, benannte dieser den gegenwärtigen
Sicherheitsminister von Hernández,
Julian Pacheco,
einen Langzeit-Alliierten des US-Militärs und Absolvent der School of
the Americas in Fort Benning, Georgia. Dieser Informant erklärte auch,
es sei Lobos Sohn gewesen, der ihn Pacheco vorgestellt habe.
Olanchanos lassen sich nicht täuschen, sie wissen, dass die Führer
des Drogen-Spiels die immer gleichen korrupten Netzwerke sind. Die
Straßen mögen jetzt ruhiger sein, aber sie herrschen regieren immer noch
und machen ihre Präsenz deutlich.
Die Olanchanos erkennen die Spuren der Drogennetzwerke, weil sie dort
fremd sind, "fuera de lugar". Zum Beispiel importiertes deutsches Bier
in maroden Kühlschränken überall in Catacamas in Läden an der Ecke, um
die teuren Geschmäcker zu bedienen, die nicht von hier sind. Der
Dienstsitz des Bürgermeisters in Concordia, gebaut wie eine Festung, an
den angelehnt Wohnstätten der Anwohner, Lehm- und Bretterbuden.
Sichtungen von plötzlich auftauchenden Luxuslimousinen und mäandernde
Schotterstraßen. Elegische Gedichtbände, die an Tankstellen in Juticalpa
verkauft werden und in denen dem früheren Bürgermeister Ramón Sarmiento
gehuldigt wird, festgenommen wegen illegalen Waffenbesitzes.
Eine andere Spur ihrer Präsenz ist groß genug, um vom Weltraum aus erkennbar zu sein: Im Sommer 2015 traf sich eine Gruppe Wissenschaftler in einem Hörsaal
der Universität von Arizona. Sie untersuchten das, was sie
Drogen-Kahlschlag
nennen: wegen des Drogenhandels herausgerissene Bäume. Plötzlich
schnappte einer der Forscher nach Luft, drehte seinen Monitor, so dass
alle es sehen konnten. Ein honduranischer Kollege hatte ein
Satellitenbild auf Facebook hochgeladen, auf dem das Zentrum eines
geschützten Regenwaldes, der sich durch Olancho zieht, das Río Plátano
Biosphärenreservat, zu sehen ist. Das Bild zeigte einen Friedhof
abgehackter Bäumen. Das Ausmaß des Gemetzels war mit ziemlicher
Sicherheit zu groß und alles war zu schnell geschehen, um mit anderen
Mitteln als Drogen finanziert zu werden.
Mark Bonta, Geograph an der Penn State Altoona, ist einer dieser
Wissenschaftler, und früher in dem Sommer war er per Lkw über die
Lehmpisten ins Herz des Reservats gefahren. Mit ihm drei andere Leute:
Oscar, ein Lehrer und Anwalt aus Olancho und José, Bauer und
Umweltschützer in Olancho. Ich saß neben José. Für eine Weile sah der
Tiefland-Regenwald genau so aus, wie ein 1,3 Millionen Morgen großes,
staatlich geschütztes Stück Land aussehen sollte: Gesang tropischer
Vögel aus reich belaubtem nassen und dichten Grün. Aber dann führen wir
in die Verwüstung. Vor kurzem umgehauene Bäume schwelten noch, ein
grauer Friedhof bis zum Horizont. Dies ist, was sie "Siedlungsfront"
nennen, der äußerste Rand eines Entwaldungsgebietes.
Im Zeitalter des amerikanischen Drogenkrieges verdoppeln sich
Olanchos traditionelle Geschäftslinien - Abholzung, Viehzucht und
Bergbau - als Vehikel für Geldwäsche und Drogentransport. Alle führen
sie zu Waldvernichtung. Der Holzfäller-Viehzucht-Kreislauf ist besonders
wirksam: Haue Bäume mit Drogenprofiten ab, sorge für Weideland, kaufe
Vieh und jeder dieser Schritte ist wie ein Zauberstab, der schlechtes
Geld in gutes verwandelt und für Rendite auf die Investition sorgt. Wenn
es an der Zeit ist, die Drogen aus der Gegend herauszubringen, schicke
einen Sattelschlepper voll damit über die Grenze. Kokain wurde in vielen
honduranischen Exportprodukten wie Baumstämmen, Vieh, Tomatenmark und
Kokosnüssen gefunden.
An dem Tag, als wir weiterfuhren, kamen wir an Weiden auf längst
entwaldetem Land vorbei, jetzt grasbewachsene Hügel gesprenkelt mit
prächtigen Rindern. Die Szenerie würde in Kentucky nicht fehl am Platz
aussehen, aber das hier ist geschützter Regenwald.
Als die Piste an ein paar Häusern vorbeiführte, machten wir einen
Zwischenstopp. Ein Mann erklärte uns, er biete Transporte an, mit seinem
Lkw fahre er die Straße rauf und runter. Es sei, sagte er, "secreto a
voces", ein offenes Geheimnis, dass die meisten Viehfarmen in der Gegend
Drogenhändlern gehören. Direkt jenseits des Coco River, der Honduras
von Nicaragua trennt und der weiteste Punkt, wo er hinkommt, gebe es,
sagte der Mann, große Farmen im Besitz kolumbianischer Drogenhändler.
Wir hörten an jenem Tag ähnliche Gerüchte über viele andere
Landesteilen: Drogen-Geschäfte, manchmal in Zusammenarbeit mit
internationalern Gruppierungen, manchmal auch der einheimischen Kapos,
sind verantwortlich für die zerstörten Bäume.
Die von den Wissenschaftlern gemachten Satellitenbilder zeigen aktive
Waldvernichtung in fünf honduranischen Nationalparks, darunter das
Biosphärenreservat Rio Plátano, eine sich ausbreitende Besiedlungsfront,
die sich wie ein horizontaler Gürtel durch das Land zieht. Nicht alles
davon ist durch den Drogenhandel erursacht, denn schließlich sind
Holzeinschlag und Viehzucht historische Geschäftszweige in der Region.
Aber der Drogenzusammenhang ist eine gut begründete wissenschaftliche
These und basiert auf Satellitenbildern eines unüblich schnellen Wandels
in der Landnutzung auf gut bekannten Drogenrouten und stützt sich auch
auf Aussagen von Leuten aus der Gegend und Berichte von Organisationen,
die die Entwicklung der Korruption beobachten.
Wir stiegen wieder ins Auto ein und unterwegs ließen wir ein paar
Leute aus der Gegend mitfahren, die die Straße entlang liefen. Einer der
Passagiere erzählte uns, dass sein Neffe, ein Mechaniker, einen Job in
einer Firma im Río Sico-Gebiet des Biosphärenreservats im La
Mosquitia-Territorium angenommen hatte (La Mosquitia im Nordosten von
Olancho ist der Ort eines schändlichen
Massakers
mit DEA-Verwicklung). Der Neffe bekam heraus, dass sein neuer
Arbeitsort ein Bergwerk im Besitz von kolumbianischen Drogenhändlern
war. Er darf nur ab und zu nach Hause, um seinen Verdienst zur Familie
zu bringen, wie uns der Passagier sagte.
Er sei einer von vielen, die ohne Absicht in den Dienst von
Drogenhändlern gerieten, sagt uns Migdonia Ayestas, die Koordinatorin
eines Projekts der Nationalen Autonomen Universität von Honduras oder
UNAH, die Daten zur Gewalt sammelt und analysiert. Es ist nicht
besonderes, für illegale Arbeit unter der Maske eines ganz normalen
Berufs eingestellt zu werden, sagt Ayestas, und es ist schwierig, sich
davon loszumachen: Sobald du weißt, dass Drogenhändler im Spiel sind,
weißt du zuviel. Den Job zu verlassen bedeutet, abtrünnig zu werden.
Drogengeld beeinflusst alles und als Ayestas Project 2014 eine Zuwendung
der spanischen Regierung zur Finanzierung der Kampagne bekam, sah sich
die Universität gezwungen, das Geld zurückzugeben, wie sie im Interview
in ihrem Campus-Büro erklärte. "Wir fanden niemanden, der den Job
wollte, die Leute sagen stets 'Woher hat diese politische Kampagne das
viele Geld?' Wir wollten eine wissenschaftliche Antwort für das
Problem", sagt sie, "Aber es ging nicht, weil keiner sich traute."
Edmundo Orellana, früherer Generalstaatsanwalt, Verteidigungsminister und UN-Botschafter für Honduras,
sagte,
dass die honduranische Wirtschaft auf Geldwäsche basiert. Als
Staatsanwalt habe er nach 1990 begonnen wahrzunehmen, erläutert er im
Telefoninterview, wie legale Industrie benutzt wurde, um illegales Geld
zu waschen. Mogule und Politiker waren "sehr angetan davon, wie einfach
es war, Geld zu machen, aber auch von der Gewissheit, wie unfähig die
Justiz war sie zu erwischen." Und dann kam der Drogenkrieg. "Die
gegenwärtige Situation von Honduras, in der es Opfer des Drogenhandels
und der organisierten Kriminalität im Allgemeinen geworden ist, ist die
Schuld der USA“, betont er und fährt fort, es sei US-Strategie, den
Drogenkrieg nach Zentralamerika zu bringen. "Was die USA machen, ist von
ihrer Warte aus gesehen gut. Aber aus der Perspektive von uns
Honduranern hängt das Problem nun an uns." Orellana weist auch auf eine
hochrangige lokale Kontrolle des Drogenhandels hin, wie etwa den Fall
des Cachiros-Kartells. "Als 2015 jemand aus dem US-Justizministerium
jemanden aus der honduranischen Regierung anrief, um die Festnahme und
Auslieferung der Cachiros zu verlangen", da, sagt Orellana, brachte die
US-Seite eine besondere Sorge vor: Dem Kartell gehörte ein
Bauunternehmen, das wiederum zu den von der honduranischen Regierung
bevorzugten Auftragnehmern für den Autobahnbau
gehörte.
Hernández, seit 2014 im Amt, ist unangenehm nah dran am Drogenhandel -
allein in Anbetracht der Vielzahl der Fälle in seiner Amtszeit und
wegen der mutmaßlichen Drogenhändler unter seinen eigenen Leuten.
Weitere Kritiken betreffen seine Versuche, alle Zweige der Regierung
unter seine Kontrolle zu bringen, vom Obersten Gericht bis zum
Generalstaatsanwalt, von der obersten Wahlbehörde bis zur
Militärpolizei. Dazu kommt noch die Tatsache, dass Honduras unter ihm
zum weltweit
tödlichsten Ort
für Umweltschützer wurde. Diese Realität wird besonders deutlich beim
immer noch ungeklärten Mord an Berta Cáceres, aber sie geht weit über
diesen Fall hinaus.
Wenn Umweltschützer die Naturressourcen schützen wollen, bedrohen sie
den Profit derjenigen, die Land und Wasser zu ihrem Monopol gemacht
haben - von denen einige nicht nur die politisch Mächtigen sind, sondern
auch nachgewiesene Drogenhändler. Beispielsweise der (verstorbene)
Miguel Facussé, der einer der reichsten Geschäftsleute in Zentralamerika
war. Sein Unternehmen
Dinant
wurde in der Vergangenheit durch die Vereinten Nationen unterstützt und
jetzt von der Weltbank. Facussé wurde von der US-Regierung des
Drogenhandels
verdächtigt und Dinant ist immer noch
Eigentümer
von tausenden Morgen Palmölplantagen auf umstrittenem Land. Weil sie
dieses Land verteidigten, wurden über hundert Landarbeiter von Facussés
privatem Sicherheitsdienst getötet und zwar zusammen mit honduranischem
Militär, was ein anderes Detail des Puzzles zeigt. Wenn Umweltschützer
Gestalten wie diesen Widerstand entgegensetzen, sind sie häufig und auf
Geheiß der Landbesitzer der Vergeltung staatlicher Sicherheitskräfte
ausgesetzt, wie es mit Cáceres
geschah. Polizei und Militär von Honduras werden von den USA, Israel und Kolumbien
trainiert und jährlich mit Millionen US-Dollars finanziert.
Die US-Regierung
wusste
immer Bescheid über die einheimische Kleptokratie von Honduras. Eines
der eher seltsamen Beispiele war ein aus Tegucigalpa kommendes
Telegramm
des Außenministeriums über US-Fast-Food Lizenzen in Honduras. Der Autor
des Kabels stellte fest, dass die gleiche Handvoll Familien sowohl die
Rechte an Marken wie McDonalds, Burger King, Pizza Hut und Pepsi
besitzt, als auch von "zweifelhaften" Steuererleichterungen profitiert,
die ihnen von einem ihnen gewogenen Kongress scheinbar ohne rechtliche
Grundlage gewährt wurden, nur mit der fadenscheinigen Begründung,
Gringo-Handelsketten Tourismus bringen. (Ist jemals ein Gringo nach
Tegucigalpa gefahren, um dort Big Macs zu verspeisen?) In einem anderen,
nach der Wahl von Mel Zelaya geschriebenem Telegramm wird
angemerkt,
dass Zelayas Schwiegervater ein bekannter Anwalt ist, zu dessen
damaligen Mandanten prominente Mitglieder der Nationalpartei gehörten,
eigentlich politische Gegner Zelayas. Einer von ihnen war Facussé,
Ölpalmenbaron. In dem Kabel wird auch vermerkt, dass Zelayas Vater eine
Farm in Olancho hatte, die 1975 der Ort eines Massakers an
Landreform-Befürwortern war.
Die verschiedenen US-Regierungen entschieden sich jedoch, diese
Oligarchie in besonderem Maß zu fördern, vor allem die Fraktion der
politischen Rechten. Präsident Juan Orlando Hernández wird nach
Amtsantritt vom US-Außenministerium in einer internen
Mitteilung
als jemand beschrieben, der "US-Interessen stets unterstützt hat."
Hernández machte seinen Master-Abschluss in Öffentlicher Verwaltung an
der State University of New York in Albany, und er hat einen Bruder, der
umfassende Pflege in einem US-Armeehospital bekam, nachdem er sich bei
einem militärischen Fallschirmspringerunfall verletzt hatte.
Nun werden Hernández und seine Nationalpartei allerdings wegen
zunehmender Hinweise auf Wahlfälschung weltweit und mit Nachdruck unter
die Lupe genommen. Noch zwei Tage nach der Wahl
qualifizierte
das US-Außenministerium Honduras als ein Land, das gegen Korruption
vorgeht, die Menschenrechte achtet und deswegen Millionen US-Dollar
Hilfe bekommen kann. Am 2. Dezember
verlautbarte
die US-Botschaft in Tegucigalpa, sie sei "sehr zufrieden" mit der
Stimmennachzählung, "wodurch Bürgerteilnahme und Transparenz maximiert
werden". Drei Tage später führte Senator Patrick Leahy einen kleinen
Chor der Ablehnung aus dem Kongress an: "Diejenigen von uns, denen
Mittelamerika am Herzen liegt, haben die Wahl des nächsten Präsidenten
von Honduras mit wachsender Beunruhigung beobachtet",
schrieb er.
Es sei "ein Prozess ohne Transparenz", und mit "zu viel
Betrugsverdacht". Über die "besorgniserregende" Rolle der US-Botschaft
in der Krise schrieb der Senator: "Ich hoffe, das ist kein neuer
Standard." Tatsächlich scheint das eher ein alter Standard zu sein, wenn nicht sogar eine Tradition.
Am 17. Dezember erklärte die Oberste Wahlbehörde Hernández zum
gewählten Präsidenten. In jener Nacht empfahl eine Delegation von
Wahlbeobachtern der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) die
Aufhebung der Wahlergebnisse und die Abhaltung von Neuwahlen. Trotz
zunehmender Aufrufe von US-Senatoren, das OAS-Urteil zu unterstützen,
erklärte
ein leitender Beamter des Außenministeriums, dass die US-Regierung
"nichts erkennen kann, was das endgültige Ergebnis ändern könnte“,
solange ihr keine weiteren Betrugshinweise vorgelegt werden. Zwei Tage
später besiegelte das Außenministerium Honduras' Geschick, indem es
Präsident Hernández zu dessen Sieg
gratulierte
und einen "robusten nationalen Dialog" anwies, um "den politischen Riß
zu heilen" und verwies diejenigen, die Wahlbetrug behaupten, an die
honduranische Justiz. Das Ministerium beendete seine Erklärung mit der
Aufforderung an die Honduraner, auf Gewalt zu verzichten.
Die Investigativ-Journalistin Danielle Mackay lebt in El Salvador
und New York. Ihr Beitrag erschien zuerst am 23. Dezember 2017 bei The Intercept
Wir danken The Intercept für die Erlaubnis zur Übersetzung/Veröffentlichung